Ernst Pfister (Trossingen)
Ernst Pfister ist seit 14. Juli 2004 Wirtschaftsminister und bis 2006 Stellvertretender Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Er ist am 28. April 1947 in Trossingen geboren und lebt dort mit seiner Familie. Nach dem Studium der Politikwissenschaften, Germanistik und Sportwissenschaften in Tübingen und Freiburg unterrichtete er ab 1975 am Hoptbühl-Gymnasium in VS-Villingen. Seit 1980 ist Herr Pfister Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg, 1996-2004 war er der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion. Bis 2004 war er Mitglied des Gemeinderats und stellvertretender Bürgermeister der Stadt Trossingen.
Vater von zwei Söhnen und Großvater von Zwillingen, Ernst Pfister, spielt in seiner Freizeit gerne Ziehharmonika und ist Ehrenpräsident des Deutschen Harmonikaverbandes (DHV).
Außerdem ist er seit 26. Juni 2007 Aufsichtsratsvorsitzender der Landesmesse Stuttgart GmbH.
meinsbh.de: Sie kommen aus Trossingen. Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Situation der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg?
Ernst Pfister: Die Produkte aus der Musikinstrumentenproduktion in meinem Heimatort Trossingen sind ein Beispiel für die wirtschaftliche Robustheit und Solidität der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg: Sie erfreuen sich seit 150 Jahren weltweiter Bekanntheit und decken von der Mundharmonika bis zum Konzertflügel viele Bereiche der Musikinstrumentenproduktion ab. In dieser Region wurde die Industriegeschichte des Landes Baden-Württemberg mit gestaltet – von der Uhrenindustrie oder der Unterhaltungselektronik früher bis hin zur Medizintechnik, Feinmechanik oder den Automobilzuliefererbereich heute sind.
Das lässt sich auch in der aktuellen wirtschaftlichen Situation dieses Wirtschaftsraumes erkennen, die sich sehr aussagekräftig in der Beschäftigungslage widerspiegelt. Sie ist zugleich der Bereich, der die Mitbürgerinnen und Mitbürger am stärksten bewegt. Die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten hat in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg in den Jahren 1999 bis 2007 fast doppelt so stark zugenommen als im Durchschnitt des Landes: Die Beschäftigung nahm in der Region in diesen Jahren um 4,4% zu, während sie im Land um 2,4% stieg. Das Produzierende Gewerbe konnte in der Region immerhin noch ein Beschäftigungsplus von ca. 1% in diesem Zeitraum verbuchen, während die Landesentwicklung sogar einen Beschäftigungsabbau von -7,4% hinnehmen musste.
Das ist natürlich mit ein Ergebnis davon, dass wir in der Region wettbewerbsfähige Branchen, Technologien und Marktfelder finden, in denen mit unterschiedlicher Intensität zusammengearbeitet wird. So ist im Wirtschaftsraum Schwarzwald – Baar -Heuberg eine Vielzahl von Automobilzulieferer ansässig. Gerade die Hochfläche des Großen Heubergs mit Gosheim als größerem Zentrum stellt eine räumliche Konzentration der Drehteilehersteller dar. Hier sind Firmen vertreten, die in ihrer Sparte im Bereich der Automobilzulieferer sogar als Weltmarktführer gelten können. Aus metallgebundenen Zulieferbetrieben der Automobilindustrie haben sich in den letzten Jahren immer mehr leistungsfähige Kunststoff verarbeitende Betriebe entwickelt, die dadurch dem Cluster Kunststoffverarbeitung immer mehr Gewicht in der Region verschaffen.
Neuere Entwicklungen im Bereich der faserverstärkten Kunststoffe öffnen dem Cluster neue Perspektiven. Know-how-Transfer neuester Technologien und sichern den Vorsprung der Unternehmen im Sondermaschinenbau wie auch im Werkzeugmaschinenbau auf den Weltmärkten. Eine über hundertjährige Tradition und Verknüpfung vieler Betriebe untereinander haben im Cluster Feinwerktechnik/Mikrotechnik/Mikrosystemtechnik Produktionsstätten entstehen lassen, die ihren Anspruch bis heute dokumentieren. Sie fand ihre unmittelbare Fortsetzung in der Mikrotechnik, in der heute mehrere hundert Betriebe Mikro- und Präzisionsbauteile fertigen. Dieses Zusammenspiel von Produkten unterschiedlicher Marktfelder mit ihren jeweiligen Unternehmen und Beschäftigten sowie den Partnern aus Wissenschaft und Verwaltung bildet auch künftig das Rückgrat dieses Wirtschaftsraumes.
meinsbh.de: Wie stark ist die Region von der Finanzkrise betroffen?
Ernst Pfister: Natürlich kann die Region von den Auswirkungen der weltweiten Finanz- und Konjunkturkrise nicht verschont bleiben. Eine konkrete Zuordnung der dadurch verursachten Umsatz- oder Beschäftigungseinbußen ist aber statistisch nicht möglich. Wir haben in diesem Wirtschaftsraum – wie überall im Land – Insolvenzfälle. Doch die meisten Unternehmen tun alles, um ihre Beschäftigten zu halten. Das ist verantwortlich. Und sie bilden seit Jahren auf sehr hohem Niveau aus. Auch das ist verantwortlich und weitsichtig zugleich, denn nur so können die Firmen dem künftigen Fachkräftemangel vorbeugen. Schließlich rührt diese solide Form einer Firmenpolitik auch und sehr entscheidend das Ergebnis daherm dass diese Region geprägt ist von familiengeführten kleinen und mittleren Unternehmen, die noch einen direkten Bezug zu ihren Firmenangehörigen haben.
meinsbh.de: Wie kann sich die Finanzkrise und die Rezession auf die Arbeitslosenquote in der Region auswirken?
Ernst Pfister: Finanzkrise und Rezession führen stets dazu, dass Unternehmen aus dem Markt ausscheiden. Aktuell können wir jedenfalls noch keine allzu starken Veränderungen in der Beschäftigungslage der Region feststellen. Vielmehr lag die aktuelle Arbeitslosenquote in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg im Bereich der Agentur für Arbeit Rottweil mit 4,4% leicht unter dem Landesdurchschnitt von 4,7% und im Bereich der Agentur für Arbeit Villingen-Schwenningen mit 5,1% leicht darüber. Bei einem Anteil des Produzierenden Gewerbes von ca. 54 % der versicherungspflichtig Beschäftigten gegenüber 41 % im Landesdurchschnitt ist die Frage nach den Auswirkungen der Finanz- und Konjunkturkrise berechtigt, zumal die Industrie in der Regel zuerst in Mitleidenschaft der konjunkturellen Entwicklung gerät.
Die Landesregierung wird ergänzend zur Bundesregierung ein Sonderprogramm mit einem Umfang von 1 Mrd. € auf den Weg bringen. Neben öffentlichen Investitionen zählt dazu ein deutlich erweiterter Rahmen für Bürgschaften und Beihilfen. Mit dem Einsatz der L-Bank Förderprogramme konnten wir in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg mit rund 808 Mio. € zinsverbilligten Darlehen und ca. 670 000,-€ Zuschüssen in fast 4000 Fällen (!) in den Jahren 2000 bis 2007 zur Sicherung von ca. 67 600 Arbeitsplätzen und zur Schaffung von ca. 4 400 neuen Arbeitsplätzen beitragen.
meinsbh.de: Ist ein Politiker der Schwarzwald-Region anders als einer aus, sagen wir mal- Berlin? Gibt es besondere Charakterzüge bei einem Schwarzwälder?
Ernst Pfister: Von „besonderen Charakterzügen“ würde ich nicht sprechen. Und ein Vergleich mit Politikern aus Berlin ist schon deshalb schwierig, weil sich in der Bundeshauptstadt Politiker aus ganz Deutschland zusammenfinden, darunter auch viele, die ihre Wurzeln in Baden-Württemberg haben. Fakt ist, Baden-Württemberg liegt in der Mitte Europas und die Wirtschaft ist stark exportorientiert . Das färbt natürlich auf die Menschen ab. Wer vom Handel lebt, der lernt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und neigt zur Weltoffenheit. Dies gilt für meine Heimatregion in besonderem Maße. Von Trossingen ist man in einer Autostunde in der Schweiz und auch nach Frankreich ist es nicht viel weiter. Einem Trossinger oder Donaueschinger sind die Städte Basel und Straßburg deshalb auch häufig vertrauter als Stuttgart oder Frankfurt.
meinsbh.de: Ist die Region Ihrer Meinung nach ein attraktiver Ferienort für die Touristen, Urlauber etc. ?
Ernst Pfister: Die Region vereint Teile unserer bekanntesten Ferien- und Erholungslandschaften wie dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb und ist meiner Meinung nach auch eine für Touristen attraktive Region mit einem hohen Erholungs- und Freizeitwert. Die Region zählt über 2 Mio. Übernachtungen und rund 10 Mio. Tagesausflügler und Geschäftsreisende jährlich. Insbesondere die nach dem Kurortegesetz höherprädikatisierten Orte, das sind Heilbäder, Heilklimatische Kurorte und Kneippkurorte im intensiv touristisch geprägten Schwarzwald-Baar-Kreis wie Bad Dürrheim, Königsfeld, Schönwald, Triberg und Villingen-Schwenningen sowie die acht Luftkurorte in der Region sind mit ihrem Angebot von besonderem Gewicht für den Übernachtungstourismus in der Region. Regionale Freizeiteinrichtungen und –angebote sind sowohl als Ziel für Ausflüge von Gästen in der Region als auch zur Anziehung von Tagestouristen attraktiv und von beträchtlicher Bedeutung. Beispielhaft wären zu nennen: Die Ausflugsziele Triberger Wasserfälle, die Sauschwänzlebahn und Wutachschlucht in Blumberg, der Donauberglandweg, das Solemar in Bad Dürrheim, das Freizeit- und Thermalbad TuWass in Tuttlingen, der Familien-Freizeitpark Villingen-Schwenningen, der Freizeitpark Hardt, Erlebnisbäder in Bad Dürrheim und Rottweil, das Wasserschloß in Sulz a.N., das Wintersportangebot und Loipen rund um Schönwald-Schönach, das Freilichtmuseum in Neuhausen ob Eck, das Deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen oder Städteziele wie Villingen – Schwenningen, Rottweil und Donaueschingen mit Schloß und Donauquelle aber auch Sport- und Kulturveranstaltungen wie z.B. das Internationale Reitturnier in Donaueschingen, die Wintersportveranstaltungen in Schonach und Schönwald sowie die Musiktage in Donaueschingen und weitere überregionale kulturelle Veranstaltungen wie das Klassik-Konzertfestival „Sommersprossen“ in Rottweil und das Jazzfestival Villingen-Schwenningen.
meinsbh.de: Die Region versucht durch unterschiedliche Veranstaltungen, wie z.B. die Landesgartenschau 2010, mehr auf sich aufmerksam zu machen. Welche Bedeutung hat es für die Zukunft der Region ? Glauben Sie, dass der hohe Aufwand sich lohnt ?
Ernst Pfister: Mit ihren Übernachtungszahlen liegt die Region an 9. Stelle unter den Regionen des Landes. Der Tourismus birgt nach meiner Einschätzung noch deutlich mehr Potenzial für die Region. Er ist Teil der in der Region zunehmend an Gewicht gewinnenden Dienstleistungen und ein wichtiger Image- und Wirtschaftsfaktor für die Region. Er ist als so genannter „weicher Standortfaktor“ bedeutsam für die Standortqualität auch für andere Branchen und generiert als harter Standortfaktor selbst Arbeits- und Ausbildungsplätze. Vor diesem Hintergrund halte ich es für richtig und wichtig, dass sich die Region gerade auch in dem harten touristischen Wettbewerb mit Veranstaltungen wie z.B. der Landesgartenschau 2010 besser ins Licht zu rücken versucht. Zu dieser Landesgartenschau in Villingen-Schwenningen werden ca. 1 Mio. Besucher erwartet. Dies bedeutet eine große Chance zur Steigerung des Bekanntheitsgrades der Region. Im Übrigen bedeutet in der Regel allein die Infrastrukturkomponente im Hinblick auf die Stadtentwicklung einen dauerhaften Gewinn für Landesgartenschau-Orte.
meinsbh.de: Welche Rolle nimmt die Region in der gesamten Wirtschaft Baden-Württembergs ein?
Ernst Pfister: Der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Baden-Württemberg steht und fällt – nicht nur in der aktuellen weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise – mit der Qualität der einzelnen Wirtschaftsstandorte im Land mit ihren Unternehmen, Beschäftigten und Partnern in Wissenschaft, Bildung, Verbänden und Verwaltung. Mit dieser Region, in der die Industrie ein unverzichtbarer Wirtschaftspfeiler ist, haben wir einen wettbewerbsfähigen Innovationsknoten. Das belegen nicht nur die bereits von mir benannten Branchen und Cluster, sondern auch die Innovationspotenziale in diesem Wirtschaftsraum. Ein Highlight dieser Region, das Tradition, Fortschritt und Wettbewerbsfähigkeit in sich vereinigt, ist die Medizintechnik. Mehr als 400 Firmen, in der Mehrzahl kleine handwerklich ausgerichtete Werkstätten, aber auch international ausgerichtete Unternehmen prägen dieses bundesweite Zentrum der Medizintechnik. Es spricht für sich und für die hohe Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft des Clusters Medizintechnik, dass im Wettbewerb des Wirtschaftsministeriums zur Stärkung regionaler Cluster in Baden-Württemberg das Projekt “Aufbau und Funktionalisierung der MedCare TechArea Clustermanagementstruktur” aus dem dortigen Raum von einer unabhängigen Jury aus 36 Anträgen mit elf weiteren Anträgen zur Prämierung ausgewählt wurde. Nach eigener Einschätzung in dieser Region kann man weitere aufstrebende Cluster in der Umwelt- und Energietechnik, in der Virtuellen Realität oder in der Logistik erkennen, die erneut die engen Zusammenhänge zwischen Industrie, Technik und Dienstleister bestätigen.
Der Verein MicroMountains Network oder das Kompetenzzentrum Minimal Invasive Medizin & Technik, eine der ersten Clusterinitiativen in der Medizintechnik in Deutschland oder die seit 30 Jahren bestehende Interessengemeinschaft der Drehteilehersteller bestätigen die allseits akzeptierte Erkenntnis, dass die innovativen Herausforderungen auf den Weltmärkten weitere Kooperationen, Vernetzungen und Cluster erfordern.
Zusammen mit den bereits genannten Industriekernen und Dienstleistern in dieser Region Schwarzwald –Baar – Heuberg verfügt sie über herausragende Potenziale: die Hochschule Furtwangen, die International Business School Tuttlingen, das Institut für Mikro- und Informationstechnik, die MicroMountains Applications AG oder auch die Staatliche Musikhochschule in Trossingen.
Die Landesregierung hält weitere Netzwerke und Clusterinitiativen für wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit der baden-württembergischen Wirtschaft international weiter auszubauen, gerade auch über einen offensiven Ausbau der Clusterpolitik oder über gezielte regionalpolitische Maßnahme. So hat das Wirtschaftsministerium dafür gesorgt, dass die Stadt Villingen-Schwenningen in die Europäische Strukturfondsförderung “Regionale Wettbewerbsfähigkeit 2007 bis 2013 ” einbezogen wurde und nun die Chance hat, mit Hilfe von Mitteln aus dem Europäischen Regionalfonds die Wettbewerbsfähigkeit ihres Wirtschaftsstandorts auszubauen. Eine Chance, die offensiv genutzt werden sollte.
meinsbh.de: Naturbedingt bietet die Region mehrere Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, so wie Wandern oder Fahrradfahren u.Ä.. Wie gestalten Sie Ihre Freizeit in der Heimat, wenn Sie überhaupt dazu kommen?
Ernst Pfister: Freizeit ist für mich ein Luxusgut. Aber: Ich habe den Vorteil, dass ich in einer Autostunde am Bodensee, im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb sein kann. Wann immer möglich nutze ich diese Möglichkeiten. Wandern über die Schwarzwaldhöhen, Skifahren fast vor der Haustüre, Schwimmen im glasklaren Bodensee – und dazu noch die kulinarischen Genüsse im Genießerland Baden-Württemberg. Dies alles sind wunderbare Möglichkeiten, Abstand zu gewinnen von der aufgeregten Politikszene und neue Kraft zu tanken.
meinsbh.de: Sie spielen Akkordeon, sind Ehrenpräsident des Deutschen Harmonika-Verbands e.V. Woher kommt die Begeisterung dafür?
Ernst Pfister: Neben der Politik sind Sport und Musik meine großen Leidenschaften. Wer in der Musikstadt Trossingen geboren und aufgewachsen ist, der kann sich der Musik nicht entziehen. Akkordeon, Mundharmonika, Klavier und Gitarre, das habe ich in jungen Jahren ordentlich gelernt. Noch heute bin ich meiner Mutter dankbar, dass sie mich – manchmal mit Druck – dazu angetrieben hat. Viele fröhliche Stunden in Ski- und Wanderhütte haben mich dafür belohnt. Mein Ziel: Jedes Kind sollte in der Grundschule ein Instrument lernen: aus meiner Sicht wäre dies auch ein wirtschaftspolitischer Beitrag zum Lernziel „Kreativität“. Um dieses Ziel zu befördern, war ich 20 Jahre Präsident des Deutschen Harmonika-Verbandes, des zweitgrößten deutschen Laienmusikverbandes.
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Dieses Interview wurde von den Studierenden der Hochschule Furtwangen, Fakultät Wirtschaft im Rahmen einer Projektarbeit am 12.02.09 per Email geführt.
