Dr. h. c. mult. Sybill Storz (Tuttlingen)
Frau Dr. h. c. mult. Sybill Storz ist 1937 in Leipzig geboren, ist Geschäftsführerin des Tuttlinger Familienunternehmens KARL STORZ Endoskope. Sie trat Ende der 1950er Jahre in das familieneigene Unternehmen ein und assistierte ihrem Vater Dr. med. h. c. Karl Storz bei der Geschäftsführung.
Nach dem Tode ihres Vaters 1996 übernahm sie die Geschäftsleitung und baute das Unternehmen weiter aus. Frau Dr. Sybill Storz wurde mehrfach für ihre unternehmerischen Tätigkeiten und soziale Engagements ausgezeichnet.
meinsbh.de: Die KARL STORZ GmbH und Co. KG ist weltweit einer der führenden Anbieter von Endoskopen, endoskopischen Instrumenten und Geräten für humanmedizinische Fachdisziplnen. Was ist Ihrer Meinung nach wichtig, damit ein Unternehmen, so wie Ihres, seine Führungsrolle auf dem Markt nicht verliert?
Dr. Sybill Storz: Unsere Stellung als international führender Hersteller von Endoskopen verdanken wir dem Streben nach Innovationen, Perfektion und dem Bemühen, Ärzten genau jene Technik an die Hand zu geben, die sie für eine gute Diagnose und Therapie benötigen. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass wir Trends nicht nur folgen, sondern diese aktiv mit-gestalten. So wird beispielsweise bei der Produktentwicklung in unserem Haus der Software schon seit einiger Zeit eine immer größer werdende Bedeutung beigemessen. Früh haben wir erkannt, dass der Einsatz der Software im modernen Operationssaal große Potenziale entfalten kann. Weil wir die komplexen Bedürfnisse der Ärzte und Kliniken kennen und weil wir uns den steigenden Erwartungen bewusst sind, haben wir mit OR1™ ein modulares System geschaffen, das zukunftsorientiert mit diesen Anforderungen mitwachsen kann.
meinsbh.de: Sie wurden schon mehrmals für Ihre unternehmerischen Tätigkeiten und soziale Engagements ausgezeichnet. Woher kommt der Wille und die positive Einstellung, wie zum Beispiel die international verkündeten Menscherechte in ihrer Einflusssphäre zu fördern, an der Abschaffung von Kinderarbeit mitzuwirken oder sich für das Thema ‚Frauen im Beruf’ zu engagieren?
Dr. Sybill Storz: In den Jahren, in denen ich meinen Vater und Firmengründer bei seiner Arbeit begleiten durfte, konnte ich lernen, dass Unternehmertum und soziale Verantwortung untrennbar miteinander verbunden sind. Wenn ich heute eine wichtige Entscheidung treffe, erwäge ich selbstverständlich auch die Folgen für die betroffenen Familien und somit auch für die Gesellschaft. Als weltweit aktives Unternehmen mit 42 Tochtergesellschaften in 32 Ländern sowie Geschäftspartnern in nahezu allen Ländern der Erde wissen wir, dass Globalisierung nicht einfach „passiert“, sondern dass wir als Teil der Globalisierung diese aktiv mitgestalten können und müssen.
Zum Thema „Frauen im Beruf“ kann ich sagen, dass Führungspositionen bei KARL STORZ grundsätzlich nach Kompetenz vergeben werden. Wenn eine Mitarbeiterin die Fähigkeiten und den Willen hat, steht ihr die Tür offen. Verzichten Frauen jedoch auf die Karriere, weil es keine Betreuungsmöglichkeiten für den Nachwuchs gibt, dann stimmt etwas nicht. Aus diesem Grund stellen wir unseren Mitarbeitern Plätze im „Haus der Familie“, das ganzjährig Kinderbetreuung anbietet, zur Verfügung. Ebenfalls sind für Mitarbeiterkinder Plätze bei der Ferienbetreuung reserviert. Diese Projekte werden von der Stadt Tuttlingen und anderen Unternehmen getragen. Für unser Engagement in diesem Bereich durften wir uns in der jüngsten Vergangenheit über den Preis für Chancengleichheit, der vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg verliehen wird, freuen.
meinsbh.de: Ihr Unternehmen ist als Arbeitgeber und Ausbilder für die Region von großer Bedeutung. Wie kommt es zu dieser Standorttreue?
Dr. Sybill Storz: Der Erfolg von KARL STORZ basiert auf der guten Qualität und dem hohen Innovationspotential, das wir in unseren Produkten und Dienstleistungen umsetzen. Hierzu sind wir vor allem auch deshalb in der Lage, weil wir in Tuttlingen auf gut ausgebildete Mitarbeiter, eine Jahrzehnte lange medizintechnische Tradition sowie einem vielfältigen Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Diese Voraussetzungen gepaart mit mutigem Unternehmertum erklären, warum sich die Medizintechnik in der Region Tuttlingen so erfolgreich entwickelt hat und wir dem Standort auch weiterhin treu bleiben werden.
meinsbh.de: Jährlich sind 120 Auszubildende in 12 Berufen tätig, wovon nahezu alle in das Unternehmen übernommen werden. 2.000 der Weltweit 4.800 Mitarbeiter sind am Standort Tuttlingen beschäftigt. Wieso ist es für Sie von großer Bedeutung Bildung auf höchstem Niveau zu gewährleisten und viele Arbeitsplätze zu schaffen?
Dr. Sybill Storz: Bildung und Ausbildung haben für mich einen hohen Stellenwert. Als Unternehmerin bin ich in der glücklichen Lage, in meinem unmittelbaren Umfeld selbst einen Beitrag zu leisten. In den letzten Jahren konnten wir die Anzahl der Auszubildenden kontinuierlich steigern. So stellen wir sicher, dass wir genügend qualifizierten Nachwuchs haben zum Beispiel bei den Feinoptikern, bei den Chirurgiemechanikern und den Elektronikern, aber auch bei den Kaufleuten. Wir benötigen diese jungen Leute, um unsere Position und unser Wachstum zu sichern.
meinsbh.de: Viele Bürger realisieren nicht, was die Region in der sie leben, zu bieten hat. Welchen Reichtum birgt die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg ihrer Meinung nach in sich?
Dr. Sybill Storz: Die Region ist geprägt von handwerklicher und industrieller Tradition und Dynamik. Der Erfindergeist und die hohe Arbeitsethik spiegeln sich in vielen hier ansässigen Unternehmen wieder und tragen zum Erfolg dieser Wirtschaftsregion bei. Nebenbei sind die geographische Lage und die Landschaft reizvoll.
meinsbh.de: Als Geschäftsführerin eines Familienunternehmens verbinden Sie sicherlich andere Werte mit dem Unternehmen als manch andere Geschäftsführer. In welcher Art und Weise ist das Unternehmen für Sie von großer Bedeutung?
Dr. Sybill Storz: Ich hatte nie einen anderen Wunsch als ins elterliche Geschäft einzusteigen. Als Unternehmer hat man zweifellos mehr Freiheiten und kann kreativ sein. Durchsetzungskraft, Fleiß und Begeisterung für die Arbeit sind unerlässlich, um die vielfältigen Aufgaben meistern zu können. Dabei liegt es auf der Hand, dass ein fest in der Region verankertes Familienunternehmen ganz andere Handlungsmaximen entwickelt als ein internationaler Konzern, dessen Kapital in anonymen Händen liegt.
meinsbh.de: Welche Wünsche und Pläne haben Sie für die nächsten Jahre?
Dr. Sybill Storz: Durch die Unabhängigkeit von der Schnelllebigkeit der internationalen Finanzmärkte, denen viele börsennotierte Unternehmen unterliegen, kann KARL STORZ als Unternehmen langfristiger planen und Geschäftsstrategien nachhaltiger umsetzen. Durch die Mitarbeit meines Sohnes, Karl-Christian, als Mitglied der Geschäftsleitung sind die Weichen für den erfolgreichen Fortbestand des Unternehmens in der 3. Generation bereits heute gestellt.
Um weiterhin Innovationen und gleich bleibend hohe Qualität anbieten zu können, pflegen wir auch zukünftig einen intensiven und fachlichen Dialog mit führenden Ärzten, Universitätskliniken und Forschungseinrichtungen. KARL STORZ wird dabei die entscheidende Herausforderung annehmen, immer am Puls der aktuellen, medizinischen Entwicklung zu stehen.
–
Dieses Interview wurde von Suzana Vrucinic im Rahmen einer Projektarbeit der Fakultät Wirtschaft der Hochschule Furtwangen am 26.02.09 per Email geführt.

