Siegfried Jäckle (St. Georgen-Oberkirnach, Spittelhof)
Siegfried Jäckle ist Gründer und Vorsitzender des Forums Pro Schwarzwaldbauern e.V. Er selbst ist mit der Landwirtschaft aufgewachsen. Nach seiner landwirtschaftlichen Ausbildung war er außerdem von 1970 bis 2007 als Landwirtschaftsberater tätig.
Mit der Gründung des Forums Pro Schwarzwaldbauern e.V. und seiner Vorstandschaft setzt sich Siegfried Jäckle aktiv für die Belange und Interessen der hiesigen Landwirtschaft ein.
Erst kürzlich hat Siegfried Jäckle außerdem die Teleakademie für Schwarzwaldbauern in Kooperation mit der Hochschule Furtwangen aufgebaut. Dabei handelt es sich um eine Wissensbörse für die speziellen Bedürfnisse der Schwarzwaldbauern und -bäuerinnen, die jeder Schwarzwaldhof per Internet zu jeder Zeit erreichen kann.
meinsbh.de: Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Forum Pro Schwarzwaldbauern e.V.? Wann und aus welchem Anlass wurde dieses Forum gegründet?
Siegfried Jäckle: Das Forum Pro Schwarzwaldbauern ist vor etwa 10 Jahren entstanden aus der Einsicht einiger kritischer Leute, dass Schwarzwaldbauern im blinden Wettbewerb (Wachsen und Weichen genannt) keine Perspektiven haben.
Aus dem losen Forum wurde 2002 ein eingetragener Verein gegründet, der als gemeinnützig anerkannt wird und sich dadurch auch von klassischen Berufsverbänden unterscheidet.
Wie unser Name sagt, wollen wir ein Forum bieten für Zukunftsfragen der Schwarzwaldbauern, denn die als Mosaiksteine die weltbekannte Schwarzwälder Kulturlandschaft bilden. Die Erhaltung dieser bäuerlich geprägten Kulturlandschaft mit ihrem besonderen Natur- und Kulturerbe ist unser oberstes Ziel. Deshalb heißt unser Motto „Verändern statt Weichen“.
Da dieses Ziel im Widerspruch zum Mainstream steht, ist Information und Weiterbildung unsere wichtigste Tätigkeit. Veränderungen beginnen ja immer in den Köpfen. Dabei geht es vor allem darum den Schwarzwald nicht zur Idylle verkommen zu lassen, sondern um seine kulturelle Identität, die von der Landschaftsnutzung nicht zu trennen ist.
Da Schwarzwaldbauern auf den Bergen und in den Tälern wirtschaften, stoßen die modernen Methoden aus der Ebene an Grenzen. Deshalb geht es um angepasste Zukunftsmodelle für die Berglandwirtschaft, die humane und ökologisch verträgliche Arbeitsbedingungen bieten.
meinsbh.de: Können Sie uns einen kleinen Einblick in Ihre Tätigkeiten und Aufgaben als Vorstand dieses Forums geben?
Siegfried Jäckle: Das Forum ist ehrenamtlich organisiert mit einem insgesamt 9-köpfigen Vorstand. Die Organisation von Veranstaltungen und Information der Mitglieder hängt wesentlich an mir. Die modernen Kommunikationsmittel Fax und Mail machen eine derart einfache Organisation möglich.
Einige unserer Arbeitsschwerpunkte haben bereits Tradition und damit Routine, wie unser Aschermittwochsgespräch oder die Teilnahme am Internationalen Feuer in den Bergen am zweiten Augustwochenende.
Zu aktuellen Themen organisieren wir Schwarzwaldbauerntreffs, Exkursionen und andere Fachgespräche.
Wer informieren will muss selber informiert sein. Deshalb arbeiten wir im deutschen Agrarbündnis mit 26 Umwelt-, Tierschutz- Entwicklungs- und bäuerlichen Organisationen zusammen und haben sind auch vernetzt mit bergbäuerlichen Organisationen in den benachbarten Alpenländern.
meinsbh.de: Sie haben bereits 2006 verlauten lassen, dass Sie versuchen werden eine gentechnikfreie Region Schwarzwald zu schaffen. Inwieweit ist Ihnen dieses Vorhaben geglückt und wo gab bzw. gibt es die meisten Schwierigkeiten?
Siegfried Jäckle: Die gentechnikfreie Region Schwarzwald war eine Vision. Da im Schwarzwald aber kaum noch Ackerbau betrieben wird, glauben die meisten Bauern wie auch andere Gentechnikkritiker, dass Gentechnik hier keine Gefahr sei.
Die permanente Gefahr der Gentechnik liegt aber versteckt im Futterzukauf. Und der ist im System der gentechnikfreien Regionen aufgrund der Rechtslage fast nicht zu kontrollieren.
Deshalb verfolge ich eine weiterführende Vision, nämlich Milch und Fleisch naturgemäß aus Gras zu erzeugen und auf Zukaufsfutter zu verzichten. Das würde unsere Landschaft erhalten und dem Hunger in der dritten Welt abhelfen. Obendrein hat Milch und Fleisch wissenschaftlich belegten höheren Gesundheitswert.
meinsbh.de: Wie kamen Sie zur Landwirtschaft? Sie sind Sie sehr Naturverbunden?
Siegfried Jäckle: Ich bin auf einem Bauernhof in St.Georgen aufgewachsen und habe nach meiner landwirtschaftlichen Ausbildung auf einen kleineren Hof in Oberkirnach eingeheiratet. Deshalb war ich von 1970 bis 2007 zusätzlich als Landwirtschaftsberater tätig.
In meiner Tätigkeit als Landwirt wie als Berater musste ich immer wieder die Erfahrung machen, dass Landwirtschaft mit technischen und industriellen Denkmustern oft nicht erfolgreich ist. Denn wir be- und verarbeiten nicht tote Rohstoffe, sondern arbeiten mit lebendigen Systemen, wie dem Boden, den Pflanzen und mit Nutztieren. Dabei geht es nicht um romantische Naturverbundenheit oder Tierliebe, sondern um Respekt vor diesen natürlichen Systemen.
meinsbh.de: Welchen Standpunkt vertreten Sie bei der Aussage, dass in der heutigen Zeit ein Bauernhof nur dann profitabel wirtschaften kann, wenn er zu billigen Hilfsmittel wie Kraftfutter greift?
Siegfried Jäckle: Mit der knapp und teurer werdenden Energie wird dieser Standpunkt möglicherweise bald zum Auslaufmodell. Denn die derzeitige Landwirtschaftspraxis hängt genauso am Öl wie die übrige Wirtschaft.
Landbewirtschaftung hat die Chance wieder effizienter zu werden,
denn
1.Pflanzen sind natürliche Sonnenkollektoren;
2.Die Effizienz dieser praktischen Sonnenenergienutzung hängt vom Wissen und Können mit Boden und Pflanzen ab und da gibt es Veränderungsmöglichkeiten
3.Unsere wiederkäuenden Rinder, Schafe und Ziegen sind Wundertiere, die auch vom Menschen nicht nutzbare Pflanzen in hochwertige Lebensmittel wie Milch, Fleisch aber auch Wolle und Leder veredeln.
Das alles ist bis heute konkurrenzlos.
meinsbh.de: Bio-Produkte werden immer beliebter. Wie sehen Sie die Chancen mit ökologischen Produkten Profit zu erzielen?
Siegfried Jäckle: Der biologische Landbau war ein Schritt in die Richtung meiner Vision. Der Schwarzwald zählte auch recht früh zu den Regionen mit der größten Biodichte.
Da der Biolandbau es aber nicht geschafft hat, eigenständige regionale Marktstrukturen aufzubauen, befindet er sich wie die konventionelle Landwirtschaft in der von Discountern bestimmten Preisbildung, die Bergregionen immer weniger gerecht wird.
Die neuen Herausforderungen Klimaveränderung, Energiemangel und Wasserschutz könnten Biolandbau mit seinen Vorzügen in einigen Jahren aber zum Standart machen.
meinsbh.de: Finden Sie die staatlichen Subventionen angemessen?
Siegfried Jäckle: Obwohl die Bauern sehr an Subventionen gewöhnt sind, widersprechen sie eigentlich ihrem Selbstverständnis. Wohl deshalb ist es (noch) nicht gelungen, Subventionen als Honorar für Leistungen zu verankern, die über Milch- oder Fleisch nicht abgegolten sind.
Das derzeitige flächenabhängige System der Direktzahlungen an die Landwirtschaft wird diesem Anspruch nicht gerecht, weil so diejenigen am meisten Subventionen erhalten, die die meisten ha bewirtschaften können.
Da es zwischen den Regionen und einzelnen Höfen riesige Unterschiede im Verhältnis von Ertrag und Aufwand in der Landwirtschaft gibt, besteht sozialer und ökologischer Reformbedarf. Vor allem deshalb, weil das System schon einmal gerechter war, als die Ausgleichszulage für Berg- und benachteiligte Gebiete als erste landwirtschaftlichen Subventionen eingeführt wurden und die im letzten Jahr massiv, um ca. ein Drittel, gekürzt wurden. So als ob das Arbeiten am Berg heute leichter ging?!
meinsbh.de: Wie schätzen Sie die Zukunft der Landwirte unserer „Gewinnerregion“ ein?
Siegfried Jäckle: Die Gewinnerregion könnte ein zukunftsfähiger Ansatz sein, wenn sie nicht beim reinen Marketing bleibt. Erst wenn das Bewusstsein um die regionalen Ressourcen und Kreisläufe erwacht, wird auch die Landwirtschaft davon profitieren können. Dazu muss ich was bewegen, bevor die letzten regionalen Verarbeiter landwirtschaftlicher Erzeugnisse, wie Molkereien, Mühlen, Metzger und Schlachthäuser verschwunden sind.
meinsbh.de: Landwirte werden des Öfteren beschuldigt einen Teil des Klimawandels mit zu verursachen, weil Ihre Rinder zu viel Methangas ausscheiden. Wie schätzen Sie den Wahrheitsgehalt dieser Aussage ein?
Siegfried Jäckle: Zunächst sollte man wissen, dass es auf der Erde schon vor den Menschen Rinder gab, die Methan ausgestoßen haben. Die richtige Frage lautet, wie viel Rinder sind auf unserer einen Erde klimaverträglich und welche Formen der Rinderhaltung? Mit dem genannten Vorwurf wird versucht, die heute in Europa und Amerika vorherrschende Fütterung der Rinder, die viel Kraftfutter oder das Brot der Armen fressen, zu verteidigen.
In Wirklichkeit könnte die Landwirtschaft zum Klimawandel einen größeren und konstruktiven Beitrag leisten, wenn sie sich auf die Verbesserung ihrer Effizienz besinnt. Denn fruchtbare Böden sind der größte CO2- Speicher.
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Das Interview wurde von Studenten der Hochschule Furtwangen (Fakultät Wirtschaft) per Email geführt. (14. Juni 2008).
