Manfred Bosch (Bad Dürrheim)

Interview mit Herrn Manfred Bosch (Bad Dürrheim)

Manfred Bosch, am 16. Oktober 1947 in Bad Dürrheim geboren, ist Schriftsteller und hat für seine Werke unter anderem den Kulturpreis des Bodenseekreises, den Ludwig-Uhland-Preis und eine Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg erhalten.
Manfred Bosch wuchs in Radolfzell am Bodensee auf. Sein Studium der Soziologie und Geschichte brach er zugunsten freier schriftstellerischer und publizistischer Tätigkeiten ab.
Seit 1969 veröffentlichte er eine Reihe Gedichtbände und Bücher zu gesellschaftlichen und kulturpolitischen Themen. Unter anderem beschäftigte er sich mit der Mundartliteratur und der zeit- und literaturgeschichtlichen Darstellungen des deutschen Südwestens mit Schwerpunkt Bodensee.

meinsbh.de: Sie sind ein erfolgreicher Schriftsteller. Zeigten sich Ihre Freude am Schreiben und Ihr Talent bereits in der Schulzeit?

Manfred Bosch: Bin ich das? (Schriftsteller: ja). – Mein Schreiben geht jedenfalls weit zurück, und ich konnte mir schon mit 20 nicht denken, es je zu lassen. Talent? Nun ja, man bemüht sich, und man muss schon an so etwas wie Talent glauben, sonst hält man´s nicht durch.

meinsbh.de: Nach Ihrem Abitur nahmen Sie das Studium der Germanistik und Soziologie auf, haben es jedoch nicht beendet? Was waren Ihre Beweggründe? Haben Sie diesen Schritt jemals bereut?

Manfred Bosch: Im Grunde war ich nach Abitur und Zivildienst nur am Schreiben interessiert. Zu dem Zeitpunkt, da ich wusste, dass ich es zu meinem Beruf machen würde, habe ich das halbherzig ergriffene Studium Studium sein lassen.

meinsbh.de: Wie beurteilen Sie die Moderne Literatur? Hat Mundartliteratur an Bedeutung verloren?

Manfred Bosch: Mundart hat mich vor allem im Rahmen mit meiner regionalen und sozialen Herkunft interessiert. Als Kind und Jugendlichem ist sie mir vielfach als Zähmungs- und Abrichtungssprache begegnet. Von daher war es im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit meinen eigenen Voraussetzungen notwendig, mich auch mit der Sprache meiner Kindheit zu befassen. Deshalb der kritische Zugang zu ihr, das weitgehend „Dokumentarische“ meiner Dialektgedichte, die damals bei den Lesern auf  breite Resonanz stießen. Ich hatte einen Ton gefunden, der die Charakterisierung der Sprache mit „Witz“ verband. Für mich war das aber nach vier Gedichtbänden im Dialekt abgeschlossen. Die Mundartliteratur selbst wird ihre Bedeutung wohl nie verlieren – sie darf ja, sofern sie mehr ist als Jux, als „Varietät des Menschlichen“ gelten und insofern Beachtung beanspruchen.

meinsbh.de: Haben bestimmte Autoren Sie in Ihrer Entwicklung geprägt/ beeinflusst?

Manfred Bosch: Ich habe sehr spät angefangen zu lesen, weil ich aus einem illiteraten Elternhaus komme. Meine Eltern habe ich stets nur die Zeitung lesen sehen. Bücher hatten wir wenige, der Bücherschrank war reine Staffage. Für mich wurde Lesen ab dem 16. Lebensjahr zum Mittel, mich abzusetzen, freizuspielen aus allzu bedrängt erlebten Verhältnissen. Wichtig wurden für mich vor allem der Autoren der Gruppe 47; ganz stark: Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger. Stark war mein Interesse an literarischen Zeitschriften.

meinsbh.de: Welche Literatur lesen Sie in Ihrer Freizeit?

Manfred Bosch: Auch in der Freizeit hauptsächlich solche, die ins Umfeld meiner Arbeit gehört. Das muss aber nicht reine Fachliteratur sein; es können auch schöngeistige Bücher von Autoren sein, mit denen ich mich gerade beschäftige. Aber ich freue mich immer, wenn ich lesend vagabundieren kann in meinen vielen ungelesenen Büchern.

meinsbh.de: Sie sind Mitgründer des Forums Allmende e.V. Welche Aufgaben haben Sie und welche Ziele verfolgen Sie dabei?

Manfred Bosch: Am Anfang stand die Zeitschrift „Allmende“, die ich 1980 zusammen mit anderen Autoren gründete. Sie sollte ein Forum für Autoren zwischen Stuttgart und Zürich, Vogesen und Arlberg sein, denen sie eigene Region wichtig geworden war. Also bewusst grenzüberschreitend. Damals begann man ja auch Heimat wieder ohne Gänsefüßchen zu schreiben. Der Begriff hatte ja eine furchtbare Konjunktur erlebt im „Dritten Reich“ und war total korrumpiert. Aber ab Mitte der 7oer Jahre knüpften viele in kritischer Haltung wieder an dem Begriff an.  Die „Allmende“ gibt es übrigens heute noch – inzwischen im 28. Jahr.
1998 wurde dann das „Forum Allmende“ ins Leben gerufen – es ist von der Zeitschrift völlig unabhängig – , um bestimmte Buchprojekte zu verwirklichen (in der „Reihe Forum Allmende“) und neue Formen literarischer Arbeit zu erproben. Daraus entstanden dann etwa die Lesereihe Jacob Picard, Literaturausstellungen in Zusammenarbeit mit dem Hermann-Hesse-Höri-Museum in Gaienhofen, Schreibkurse, Veröffentlichungen im Internet und manches andere. Das alles lässt sich nachlesen unter www.forum-allmende.net.

meinsbh.de: Sie haben seit dem Jahr 1978 zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Wie haben Sie es geschafft über die Jahre hinweg immer aktuell zu bleiben? Welches Maß an Bedeutung schreiben Sie den Auszeichnungen zu?

Manfred Bosch: Als aktuell sehe ich meine Arbeit nur bedingt an, weil ich ja stark literaturhistorisch arbeite (Siehe mein Buch „Bohème am Bodensee. Literarisches Leben am See 1900 bis 1950“). Aber natürlich kann der literarischen Schatzgräberei, wie ich sie betreibe, auch ein aktuelles Moment innewohnen. Das war zum Beispiel bei meiner Beschäftigung mit Exilliteratur der Fall, die ja seit den siebziger Jahren sehr in Mode kam. Daran hatte ich mit Herausgaben und Arbeiten zu Emigranten wie Jacob Picard, Max Barth, Käthe Vordtriede, Moritz Lederer und anderen Anteil, die alle aus dem hiesigen Raum kommen oder doch in ihn hineinspielen.

meinsbh.de: Viele Ihrer Werke beschäftigen sich mit unserer Region. Woher rührt Ihre Heimatverbundenheit?

Manfred Bosch: Heimatverbundenheit ist ein Wort, das ich in diesem Zusammenhang nicht besonders gern höre. Es ist zwar sachlich nicht falsch, klingt aber furchtbar bieder. Für mich hat alles Regionale einen besonderen Stellenwert, weil es mich auch in besonderer Weise geprägt hat.  Als Kategorie in einer globalisierten Welt ist Region für mich generell wichtig. Sie ist meine unmittelbare Umgebung – ohne dass ich mich an sie verlieren möchte.

meinsbh.de: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für Ihre Werke? Sind sie bestimmten Personen gewidmet?

Manfred Bosch: Also ich finde, stoße auf Namen, auf Zusammenhänge. Das kann in einer Fußnote geschehen, in alten Zeitschriften, in denen ich auf mir bisher unbekannte Namen stoße, in alten Büchern und bestimmten Texten, die mich besonders berühren. Es geht also primär um Informationen. Und diese Informationen, das heißt meine Funde füttern dann ein ausgedehntes Zettelkastensystem mit zahllosen Verweisen zu Personen, Orten und Themen. Daraus ergeben sich dann meine Ideen zu Porträts, Beiträgen, Herausgaben, Anthologien, Sendungen. „Inspiration“ spielt dann in einer späteren Phase eine Rolle – beim Zusammenstellen von Texten, bei der Kommentierung, beim Schreiben von Nachworten etc.

meinsbh.de: Was planen Sie für die Zukunft? Welche Projekte haben Sie vor zu realisieren?

Manfred Bosch: Als nächstes möchte ich die „Erinnerungen an den Bodensee“ herausgeben, die ich im Nachlass eines Malers und Kunstwissenschaftlers gefunden habe. Er hat sie Ende der 30er Jahre in London kurz nach seiner Emigration niedergeschrieben, ein umfangreiches handschriftliches Manuskript im Umfang von über 500 Seiten. Was den Text so interessant macht, ist einerseits die „nachgetragene Liebe“ zu dieser Landschaft; zum anderen der genaue Blick des in Berlin geborenen Autors. Solche Voraussetzungen betrachte ich als ideal: dass die eigene Gegend im „unbestechlichen“ Blick eines Autors Konturen und Klarheit gewinnt.

meinsbh.de: Im Zeitalter von Computer, Playstation und Fernseher werden Bücher immer mehr aus den Kinder- und Jugendzimmern verdrängt. Warum ist es Ihrer Meinung nach immer noch wichtig zu lesen?

Manfred Bosch: Ich möchte Lesen nicht ausspielen gegen andere Formen des Medienkonsums. Auch da erwirbt man – bestenfalls – Kenntnisse und Fertigkeiten, die nützlich sind. Das fällige Wort lautet ja wohl Medienkompetenz. Und wenn im Umgang mit den Medien auch das Lesen im traditionellen Sinne seinen Platz hat und behält (und daran glaube ich: das Buch wird immer leben) – schön!

Das Interview führten Studenten der Hochschule Furtwangen (Abt. Schwenningen) im Juni 2008 für das Netzprojekt der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg: www.meinsbh.de

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