Interview mit Ilse Bäumer (Spaichingen, Schramberg)

Ilse Bäumer wurde 1940 in Spaichingen geboren. Die ehemalige Realschullehrerin ist seit 1994 Vorsitzende der Haiti-Hilfe Schramberg e.V., die an Aufbau und Förderung verschiedener Entwicklungshilfeprojekte arbeitet.

meinsbh.de: Sie sind seit 1994 Vorsitzende der Haiti-Hilfe Schramberg. Was hat Sie dazu bewogen, sich in der Entwicklungshilfe zu engagieren?

Ilse Bäumer: Es begann 1980. Ein Haitianer verbrachte in unserer Familie die Weihnachtsfeiertage. Er berichtete uns von der Not seines Landes und von seinem Traum, in seinem Heimatort Palmari für eine Dorfschule zu sorgen. Wir gründeten den Freundeskreis Palmari und hatten zwei Jahre später die benötigten 50.000 DM zusammen. Die Schule wurde gebaut, und daraus entwickelten sich weitere Projekte, wie zum Beispiel die Patenschaften und das Agro-Forst Programm.

meinsbh.de: Ihr Verein unterstützt die Bevölkerung Haitis. Können Sie uns einen allgemeinen Einblick in Ihre Tätigkeitsbereiche geben?

Ilse Bäumer: Wir haben in Haiti drei Organisationen als Partner: Die Diözese Cap-Haitien, die Gehörlosenschule in Cap-Haitien und die Gehörlosenschule in Port-au-Prince. Sie bilden im Umfeld von Bürgerkrieg, Bandenunwesen, Rechtsunsicherheit, Bildungsnotstand und Massenelend einen Hort der Stabilität. Sie sind unsere verantwortlichen Projektträger. Wir unterstützen und beraten sie in ihrer Bildungs- und Sozialarbeit, in der Behindertenhilfe, Frauenförderung, Entwicklung des ländlichen Raums, im Natur- und Umweltschutz. Unser langfristiges Projekt-Engagement stützt sie zugleich in ihrer Organisationskraft, in der Modernisierung des Rechnungswesens, in der Qualifizierung des Personals. Das überwiesene Geld kommt an und wird dem Spendenzweck entsprechend verwendet und abgerechnet.

Konkret:
Wir unterstützen die Familien- und Sozialarbeit unserer Partner mit über 600 Kinderpatenschaften. Sie sichern zugleich die Schulbildung der Kinder. In der Gehörlosenschule in Cap-Haitien sind sie ein Beitrag zu den Kosten des Heimaufenthalts.

Spender, die nicht so sehr den persönlichen Bezug wünschen, sondern verstärkt strukturelle Hilfen im Bildungsbereich geben wollen, engagieren sich bei Unterrichtspatenschaften. Die Finanznot der Schulen ist eines der größten Entwicklungshemmnisse in Haiti.
Wir unterstützen besonders die Alphabetisierungskurse von Jugendlichen und Erwachsenen im ländlichen Raum. Sie werden von der Diözese Cap-Haitien organisiert und brauchen von uns als Unterstützung zur Finanzierung der Kursleiter 25 Euro pro Teilnehmer pro Jahr.

Seit 1995 engagieren wir uns kontinuierlich in Agro-Forst-Projekten. Unter agronomischer Leitung werden in den Projektgemeinden Baumschulen gegründet und von Kleinkooperativen betreut. Die Kleinbauern werden bei der Kultivierung und Bepflanzung ihrer Böden, im Erosionsschutz und zur Nacherntesicherung und Vermarktung landwirtschaftlich beraten. Die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen wird zu einem Schwerpunktthema in den Schulen und Alphabetisierungskursen. Die Arbeitseinsätze der Schüler, Eltern und Alpha-Teilnehmer in den Baumschulen und bei den Pflanzaktionen sorgen für eine gute Verbindung von Theorie und Praxis.
Bei diesen Projekten haben wir Unterstützung vom Land Baden-Württemberg und seinen Stiftungen und vom BMZ erhalten. Zur Zeit haben wir die Endphase eines zweijährigen Projekts, das von der Deutschen Pfandbriefanstalt (DEPFA) in Frankfurt finanziert wird. 200.000 der vorgesehenen 240.000 Bäumchen sind inzwischen gezüchtet und angepflanzt.

Mit beispielsweise 500 Euro können wir den Haitianern und der ökologisch verbundenen Weltgemeinschaft 1.000 wertvolle Bäumchen schenken. Einige Spender empfehlen bei ihren Familienfeiern solche „Gastgeschenke“. Mit Hilfe von bäuerlichen Klein- Kooperativen und vertraglichen Regelungen will unser haitianischer Partner erreichen, dass der schnell wachsende Wert dieser Baum-Investitionen auch zur Refinanzierung und zur spendenunabhängigen Eigenfinanzierung künftiger Projekte beiträgt.

meinsbh.de: Wie viele aktive Mitglieder haben Sie und wie groß ist die Spendenbereitschaft der Bevölkerung der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg?

Ilse Bäumer: Der Verein selbst hat 130 Mitglieder. Der Jahresbeitrag von 25 Euro je Mitglied ergibt 3.250 Euro pro Jahr. Damit finanzieren wir unsere Telefon-, PC-, Kopier- und Portokosten. Alle Aktivitäten sind ehrenamtlich. Wir haben keine Kosten für Spendenwerbung. Wir unterhalten in Schramberg, Falkensteinstr. 61, die sogenannte „Schmökerstube“. Dort haben wir mehr als 20.000 Bücher in Regalen geordnet, und bieten sie zum Kauf an. Sie wurden uns von Lesern geschenkt und sind gut erhalten. Der Erlös kommt unseren Projekten zugute.

Ich gebe Ihnen einen Überblick über die Herkunft unserer Spenden im Jahr 2006:

Die DEPFA-Bank hat ihr Projekt mit 84.000 Euro unterstützt.

Ohne DEPFA hatten wir 672 Spender mit der Gesamtsumme von gerundet 273.000 €.
Das ergibt einen Mittelwert von 406 € pro Spender.
263.000 € sind Spenden aus Deutschland, 185.000 € aus Baden-Württemberg, 165.000 € aus der Region, 158.000 € aus dem Kreis Rottweil, 136.000 € aus der Raumschaft Schramberg, 100.000 € aus der Stadt Schramberg.
Das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ fügte zur Grundfinanzierung mehrerer Projekte insgesamt 53.000 € hinzu.

meinsbh.de: Viele Menschen wollen helfen, wissen aber nicht wie. Mit Hilfe welcher Medien machen Sie auf sich aufmerksam?

Ilse Bäumer: Die öffentliche Aufmerksamkeit erzielen wir über unsere Aktivitäten, Projektberichte in den lokalen Medien, Homepage, Informationsfaltblatt oder auch über ein Interview wie dieses. Die Hauptwerbung läuft über die Spender selbst, die unsere Arbeit in ihrer Effizienz und Breitenwirkung schätzen und uns weiter empfehlen.

Es gibt viele Menschen, die bereit sind zu spenden. Aber sie sind skeptisch. Sie fragen sich: Was kommt letztlich an? Und wie wird es im Empfängerland genutzt? Wie transparent sind Ziel und Arbeitsweise der beteiligten Organisationen?

Die Haiti-Hilfe Schramberg versteht sich als Vermittler und Übersetzer. Wer mit seiner Spende vor allem die Verringerung der Not eines Kindes und seiner engsten Angehörigen wünscht, verbunden mit konkreten Berichten, wird eine Patenschaft anstreben.

Wer mit seiner Spende mehr einen strukturellen Beitrag als Investition mit „wachsender“ Rendite leisten möchte, dem empfehlen wir, für unser dreijähriges Projekt, BMZ Nr. 2007.1659.7, zu spenden, das in 4 Gemeinden im Norden Haitis in den Jahren 2008 – 2010 durchgeführt wird. Das Bundesministerium BMZ hat das Projekt über „bengo“ eingehend geprüft, gebilligt und gibt das Dreifache unseres Anteils als Projektzuschuß: insgesamt 105.000 Euro. Die Haiti-Hilfe muß über Spendengelder 35.000 € beisteuern.
Das Projekt sieht u. a. folgende Maßnahmen vor:
- Schutz der bedrohten Umwelt als Schwerpunktthema und praktisches Tun in den Schulen.
- Zweijährige Alphabetisierung und gesellschaftlich-ökologische Bewusstseinsbildung von 1.000 Erwachsenen
-Gründung von 4 Baumschulen und die Anzucht von insgesamt mindestens 126.000 Obst-, Nuss- und Waldbäumchen
- Anpflanzung und Betreuung der Bäume auf 1.200 Privatgrundstücken und 4 Gemeindeflächen.

Ein Zahlenbeispiel, überschlägig gerechnet: 100 Euro Spende + 300 Euro BMZ = 400 Euro.
Das ermöglicht neben anderen Projektmaßnahmen den Kauf von 800 Bäumchen, die in wenigen Jahren den zehnfachen Wert erreichen. Die Bäumchen werden vor Ort arbeitsintensiv ohne Verwendung von Maschinen produziert. Das eingesetzte Geld ergibt eine Kaufkraft auf dem Marktplatz der Gemeinde.
Rückfrage an Wirtschaftsstudenten: Welche Rendite hat die 100 Euro-Spende?

meinsbh.de: Sie vermitteln unter anderem auch Patenschaften. Sind Sie selbst Patin? Wie oft sind Sie vor Ort, um sich von der korrekten Verwendung der Gelder zu überzeugen?

Ilse Bäumer: Unsere Familie hat eine Schulpatenschaft und mehrere Kinderpatenschaften.
Mein Mann und ich waren mehrmals zu Projektbesuchen in Haiti. Die Abrechnung der Gelder in Haiti wird uns in EXCEL-Tabellen per email zugeleitet und von uns kontrolliert. Vierteljährlich erhalten wir Projektfortschrittsberichte. Fast jedes Jahr ist jemand von den Projektverantwortlichen in Europa und kommt dann auch zu uns, um anstehende Fragen zu besprechen.
Unsere Buchführung hier wird jährlich vom Steuerbüro Brugger überprüft. Es ergaben sich noch nie Beanstandungen.

meinsbh.de: Wie viel Ihrer Zeit nimmt dieses Projekt in Anspruch? Können Sie nebenbei noch einer
beruflichen Tätigkeit nachgehen?

Ilse Bäumer: Im Vorstand haben wir die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt. Die Buchhaltung und Projektkonzeption wird von meinem Mann wahrgenommen. Ich selbst widme durchschnittlich 2 Stunden pro Tag der Projektarbeit.
Ich bin seit 40 Jahren an der Volkshochschule Schramberg als Dozentin für Französisch, Englisch und Spanisch tätig. Ich gebe jetzt noch 2 Konversationskurse pro Woche in Französisch und Spanisch.

meinsbh.de: Wie sehen Ihre Pläne und Hoffnungen im Hinblick auf zukünftige Projekte aus?

Ilse Bäumer: Die Projekte zur Sicherung und Verbesserung der natürlichen Lebensgrundlagen, angefangen von den Baumschulen bis zur Vermarktung der Erträge müsse sich immer mehr aus den Erlösen selbst finanzieren. Nach einigen Jahren der Hilfe wandern wir auf der Landkarte Haitis ein Stück weiter, um neue Gemeinden in diese Entwicklungs-Partnerschaft einzubeziehen. Wir hoffen, dass sich die Rechts- und Sicherheitslage sowie die Arbeitsmöglichkeiten in Haiti verbessern und unsere Partner die angestrebten Ziele mit Einsatzfreude und Selbsthilfebereitschaft aus der Bevölkerung erreichen.
Wir hoffen, hier in Deutschland weiterhin die notwendige Unterstützung zu finden.

Spendenkonten:

Kreissparkasse Rottweil
Kto.-Nr. 587 578 BLZ: 642 500 40

Volksbank Schwarzwald-Neckar eG
Kto.-Nr. 32 171 005 BLZ: 642 920 20

E-mail: info@haiti-hilfe.de

Internet: www.haiti-hilfe.de
Tel: 0 – 7422 – 7794

Ilse Bäumer
Wolf-Hirth-Str. 13
78713 Schramberg


Das Interview wurde am 07.12.2007 per e-mail von der Projektgruppe „VIP-Interviews“ der HS Furtwangen, Standort Schwenningen, durchgeführt.

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