Dr. Steffen P. Würth (Bräunlingen)

Interview mit Dr. Steffen P. Würth (Bräunlingen)

Dr. Steffen P. Würth
ist Geschäftsleiter der Straub-Verpackungen GmbH in Bräunlingen.

Straub Verpackungen wurde 1825 gegründet und ist seither in Familienbesitz.

Dr. Würth wurde im April 2006 von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Schwarzwald-Baar-Heuberg mbH als „Unternehmer des Monats“ ausgezeichnet.
meinsbh.de: Ihr Unternehmen befindet sich seit 1825 durchgängig in Familienbesitz. Wie hat sich dieses über die Jahre hinweg weiterentwickelt?

Dr. Steffen P. Würth: Die Entwicklung verlief in den nunmehr sieben Generationen der Familien Straub und Würth von einer ursprünglich traditionell-handwerklichen hin zu einer modernen industriellen Struktur. Am Anfang stand ein Mühlbetrieb, dann folgte ebenfalls unter Nutzung der Wasserkraft die Holzverarbeitung, woraus dann auch die Herstellung von Holzwolle hervor kam. 1925 sodann die ersten industriellen Schritte mit der Herstellung von Wellpappe und Wellpappverpackungen, welche weitergehend in den Nachkriegsjahrzehnten deutliches Wachstum erlebte und in den vergangenen 20 Jahren steil nach oben führte. Allein in den letzten 12 Jahren unter der Regie der heutigen Gesellschafter-Geschäftsführer-Generation konnte das Unternehmen, mit seinen beiden Standorten in Bräunlingen und Blumberg, eine Verdoppelung der Umsatz-, Größen- und betrieblichen Leistungskennzahlen erreichen, sowie eine Steigerung der Mitarbeiterzahl um mehr als 30%.

meinsbh.de: Wie schätzen Sie das wirtschaftliche Potential der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg ein?

Dr. Steffen P. Würth: Nach dem „Ausbluten“ der Region in den 70er-Jahren kann man schon sagen, dass sich hier in den vergangenen 20 Jahren wieder ein „Phönix aus der Asche“ erhoben hat. Wenn sich die geographische Lage und die Infrastruktur der Region früher als nachteilig und eher schlecht entwickelt dargestellt hatte, so hat sich insbesonders die Erreichbarkeit der Region mit der A 81 um ein Wesentliches verbessert und der Ausbau der West-Ost-Tangenten schreitet zunehmend voran (wenn gleich hier noch einiges an Verbesserungsbedarf besteht). Die geographische Lage nahe des Dreiländerecks hat heute im Rahmen der EU einen enormen Wert für Wirtschaftsbeziehungen und den Export von Waren in die Schweiz, nach Österreich und nach Frankreich. Es hat sich über die Grenzen hinweg, insbesondere in Richtung Schweiz, ein neuer Wirtschaftsraum gebildet und unsere Region wurde wieder attraktiv. Diese Vorteile haben teilweise neue Unternehmensansiedlungen gebracht und alteingesessene Betriebe haben sich zukunftsorientiert am Standort ausgerichtet. Alles in allem hat sich in der Region ein zeitgemäßes Selbstbewusstsein entwickelt, welches ein durchaus hoffnungsvolles Zukunftspotenzial beinhaltet. Aufgrund der zurückgehenden demographischen Prognosen für die Region wird jedoch die verkehrsmäßige Anbindung auch in Zukunft eine wichtige Komponente für das wirtschaftliche Wohlergehen bleiben.

meinsbh.de: Welche Vorteile sehen Sie für Betriebe, die sich traditionell über lange Zeit in Familienbesitz befinden?

Dr. Steffen P. Würth: Hier sehe ich nicht nur Vorteile! Die Globalisierung und Marktkonzentration zollen hier ihren Tribut und bringen familiengeführte, mittelständische Unternehmen schnell an die Grenzen ihrer finanziellen und organisatorischen Leistungsfähigkeit. Dennoch sehe ich den Vorteil von traditionellen Familienunternehmen in den organisch über einen längeren Zeitraum gewachsenen Strukturen, der dadurch gelebten Unternehmenskultur und der sich hierdurch ergebenden hohen Flexibilität, sich den oft zügig verändernden Markt- und Wettbewerbssituationen anpassen zu können. Flache Organisationen mit einem präsenten Chef und Eigentümer gewährleisten ein hohes Kosten-, Leistungs- und Qualitätsbewusstsein bei den Mitarbeitern.

meinsbh.de: Sie werben mit dem Motto „Straub liegt voll und ganz auf Ihrer Welle“. Wie ist dies zu verstehen?

Dr. Steffen P. Würth: Eigentlich sollte ein Werbestatement selbstredend sein, weshalb ich spätestens jetzt über diese Aussage einmal kritisch nachdenken müsste.
Die Aussage selbst ist jedoch in zwei Richtungen zu verstehen:
Zum einen unterstreicht sie den Bezug zu unserem Produkt, der Wellpappe. Zum anderen gibt sie dem Kunden zu verstehen, dass wir als Mittelständler, und damit auf “gleicher Wellenlänge”, seine Verpackungsbedürfnisse und –probleme kennen, diese verstehen und eine Lösung bereithalten, die seinen produktspezifischen, logistischen und wirtschaftlichen Ansprüchen Stand hält.

meinsbh.de: Wie weit erstreckt sich Ihr Kundenkreis? Verfügen Sie eventuell über ein Netz an regionalen Stammkunden? Inwiefern spielen Internationalisierung und Globalisierung in Ihrem Unternehmen eine Rolle?

Dr. Steffen P. Würth: Das Produkt “Wellpappe” verträgt aufgrund seines relativ leichten Gewichts keine allzu großen Frachtstrecken. Ab einer Strecke von rund 200 bis 250 Kilometern stehen die Frachtkosten nicht mehr im Verhältnis zum Warenwert. Deshalb liegt unser Liefer- und Kundegebiet grundsätzlich in einem Umkreis von maximal 250 KM Radius um unsere beiden Werke in Bräunlingen und Blumberg. In diesem Gebiet betreuen wir ca. 2.000 aktive Kunden, wobei es zu bedenken gilt, dass eine durchschnittliche Wellpappenunternehmung im Normalfall weit weniger als 1.000 Kunden hat.
D.h. wir sehen uns ganz klar als Partner des Mittelstands, also als Mittelständler für den Mittelstand. Das wird von vielen unserer Kunden, insbesondere vor dem Hintergrund ständig zunehmender Konzentrationen in unserem Wettbewerb, mit langjährigen Partnerschaften honoriert.

In diesem Zusammenhang ist auch die Bedeutung von Internationalisierung bzw. Globalisierung zu sehen.
Unser Produkt ist, mit Ausnahme für die angrenzenden Nachbarländer Österreich, Schweiz und Frankreich, welches für unser Haus direkte Märkte sind, kein direktes Exportprodukt. Aufgrund der oben genannten Frachtkostenbelastung macht es wenig Sinn, Wellpappe und Wellpappenverpackungen in einem “Billiglohnland” herzustellen und dann in den heimischen Markt zu importieren oder in andere, entfernte Märkte zu exportieren. Ein Wellpappunternehmen liegt so zu sagen inmitten seines Marktes. Das ist einerseits ein Vorteil, weil dadurch auch kurze Wege und direkte Kundennähe garantiert sind. Andererseits ist man dadurch aber an seinen Standort dauerhaft gebunden, wie übrigens viele unserer Kunden auch.

Den großen Papier- und Wellpappenkonzernen ist es natürlich sehr wohl möglich, in neuen Märkten auf dieser Welt vorort präsent zu sein und damit all jene Hersteller von abzupackenden Produkten mit Verpackungen global zu bedienen. Dem Mittelstand in unserer Industrie sind hier jedoch, wie oben unter Punkt 3. bereits erwähnt, sehr schnell finanzielle und vor allem personalkapazitive Grenzen gesetzt.

Wenn Internationalisierung bzw. Globalisierung für uns direkt eher eine sekundär wichtige Rolle spielt, so spüren wir sehr wohl eine zunehmende globale Vernetzung. Dazu zählt sicherlich auch, dass vermehrt Waren, die mit unseren Verpackungen geschützt werden, in alle Welt gehen und viele unserer Kunden mit diesem Thema direkter konfrontiert werden. Aber auch hier sind wir ein passender Partner, um den hierfür neu entstandenen Anforderungen mit unseren Kunden zusammen zu entgegnen.

meinsbh.de: Sie wurden als „Unternehmer des Monats“ ausgezeichnet. Wofür genau haben Sie diesen Preis erhalten?

Dr. Steffen P. Würth: Zunächst muss ich korrigieren, dass es sich hierbei nicht um einen Preis handelt, sondern um eine Titel-Auszeichnung, die von der “Gewinnerregion VS-TUT-RW” im Rahmen eines neuen Marketingkonzepts monatlich verliehen wurde.

Den Grund dafür, warum mir diese Ehre im Frühjahr 2007 zuteil wurde, meine ich, ist folgendermaßen:

Ich glaube nicht, dass ich mit meiner persönlichen Tätigkeit und mit den erfolgreichen Entwicklungen unseres Unternehmens etwas geleistet habe, was andere nicht auch getan oder erreicht haben. Sicherlich ist unsere Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren enorm gewesen und sehr erfreulich. Es gibt in unserem Ländle und in unserer Region aber zum Glück viele mutige und erfolgreiche Unternehmer, die in den vergangenen Jahren ebenfalls Enormes geleistet haben und gemeinsam die Wirtschaft in unserer Region überhaupt erst zu dem gemacht haben, was sie heute darstellt.

Viele von diesen Unternehmern erfüllen Ihre Aufgaben und Verantwortlichkeiten aber nicht immer im Lichte der Öffentlichkeit, sondern eher in einer Art Bescheidenheit und Zurückhaltung. Demgegenüber gibt es Menschen, die nicht nur aufgrund ihres Unternehmens und dessen Entwicklung bekannt sind, sondern auch aufgrund ihrer weiteren Engagements innerhalb der Gesellschaft. Diese letzteren, zu denen wohl eher auch ich zähle, werden aufgrund ihrer Popularität immer gerne öffentlich und medial erwähnt und als “besondere Beispiele” angeführt. Ob das so gerechtfertigt ist oder nicht, mag ich hier nicht zu beurteilen.

Ich meine aber, und möchte das auch so verstanden wissen, dass ich diese ehrenvolle Auszeichnung “Unternehmer des Monats” stellvertretend für alle mutigen und erfolgreichen Unternehmer in unserer Region erhalten habe.

meinsbh.de: Engagieren Sie sich außerhalb Ihrer Unternehmertätigkeit noch in anderen Bereichen?

Dr. Steffen P. Würth: Ich könnte nun kurz mit “Ja” antworten und Ihnen damit einen langen Vortrag ersparen. Ich will mir aber dennoch eine zusätzliche Anmerkung erlauben.

Ja, ich bin auch im gesellschaftlichen und sozialen Bereich aktiv.

So bin ich z.B. jetzt gerade erst wieder gewählt worden für meine dritte Periode in der Vollversammlung der IHK Schwarzwald-Baar, ich bin im Vorstand unseres deutschen und des europäischen Branchenverbandes sowie im Arbeitgeberverband Südbaden, um nur einige davon zu nennen. Im sozialen Bereich habe ich z.B. derzeit das Amt des Präsidenten unseres Lionsclubs in Donaueschingen inne, bin Vorsitzender des Stiftungsbeirats der Bürgerstiftung in Bräunlingen und unterstütze als Mitglied des Kuratoriums die Arbeit des Fördervereins für krebskranke Kinder e.V. in Freiburg, um auch hier nur einige Engagements zu erwähnen.

Das klingt alles sehr viel, ist es zum Teil auch, macht aber, trotz der zeitlichen Einspannung neben meinem “Hauptberuf”, sehr viel Spaß. Und genau hierzu möchte ich etwas anmerken.

Leider ist es so, dass das “Ehrenamt immer wieder auf den gleichen Haufen tropft”. Soll heißen, jemand wie ich, der grundsätzlich offen ist für solche zusätzlichen sozialen und gesellschaftlichen Engagements, wird immer wieder heimgesucht von neuen Anfragen von noch mehr solcher Aufgaben, was natürlich einer stärkeren Selektion bedarf und oft auch abschlägig beantwortet werden muss. Der Volksmund belächelt dies häufig leider abschätzend mit dem Begriff “Pöstchenjäger”. Aber sind wir mal ehrlich! Gemessen an der Zahl der Gesamtbevölkerung in Deutschland ist die Zahl jener, die bereit sind, im Ehrenamt tätig zu sein, relativ gering. In einer Zeit, in der aber vermehrt die Verantwortlichkeiten vom Staat ins Bürgertum wandern, der Staat sich also vielerorts aus seinen Verantwortlichkeiten zurückzieht, kommt dem bürgerlichen Ehrenamt wieder eine ganz neue, gesellschaftlich wertvolle und wichtige Bedeutung zu. Nicht umsonst entstehen in vielen Städten unserer Region Bürgerstiftungen, nicht umsonst rühmt sich die öffentliche Verwaltung mit der zunehmenden Zahl an neu gegründeten öffentlich-privaten Partnerschaften, kurz “PPP” genannt. Viele Missstände innerhalb unserer Gesellschaft können nur auf diesem Wege korrigiert werden.
Hier sind aber alle Mitglieder einer Gesellschaft gefordert und nicht nur immer nur einzelne exponierte. Ich kann deshalb nur jedem Mitbürger, ob alt oder jung, die Empfehlung geben, sich im sozialen und gesellschaftlichen Ehrenamt zu engagieren. Solch ein Engagement hat nicht nur in der Gemeinschaft eine wichtige Bedeutung, es verleiht einem selbst eine große innerliche Befriedigung. Gerade junge Menschen finden in solchen Aufgaben oft dringend erforderliche Selbstbestätigung und wachsenden Selbstwert.

meinsbh.de: Ist es Ihnen wichtig, die Familientradition im Unternehmen zu bewahren? Ist die Frage der Nachfolge für Sie schon geklärt?

Dr. Steffen P. Würth: Ein mittelständisches Familienunternehmen zeichnet sich gerade dadurch aus, dass die Strukturen eben anders sind, als in den Unternehmen börsennotierter Konzerne. Ein “Chef zum Anfassen” ist für den Einzelnen eben immer noch mehr Wert, als ein öffentlich gefeierter Top-Manager, den viele seiner Getreuen noch niemals live gesehen oder erlebt haben.
Die Betriebskultur, die sich in einem Unternehmen mit Familientradition über Jahrzehnte und Generationen hinweg gebildet hat, ist demgemäss schon etwas Grundsätzliches und Erhaltenswertes, und deshalb auch wichtig und wertvoll für die Menschen und das Miteinander innerhalb einer solchen Organisation.

Dennoch kommt die Aufrechterhaltung solche Werte in Zukunft vermehrt auf den Prüfstand und wird gerade in Zeiten von Globalisierung und Internationalisierung vermehrt hinterfragt werden müssen.

Bezüglich meiner eigenen Nachfolgeregelung kann ich derzeit noch nicht allzu viel sagen, immerhin haben wir ja gerade erst vor etwas mehr als zehn Jahren einen lehrbuchmäßigen Generationenwechsel absolviert. Meine Kinder sind mit sieben und acht Jahren noch zu klein, um konkrete Perspektiven zu bieten und ich selbst bin mit “Mitte Vierzig” gerade erst einmal “warmgelaufen”. Außerdem wird für diese Entscheidung vieles von den politischen Verhältnissen und Entwicklungen in Deutschland abhängen.


Dieses Interview wurde am 27.11.2007 per Email von Melanie Miska geführt. Melanie Miska ist im WS 07/08 Mitglied der Projektgruppe „VIP-Interviews“ an der HS Furtwangen, Standort Villingen-Schwenningen.

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