Prof. Dr. Petra Herkert (Furtwangen)

Interview mit Prof. Dr. Petra Herkert (Furtwangen)

Gründungsdekanin der Fakultät Wirtschaft der Hochschule Furtwangen (HFU)

Leiterin des China Instituts der Hochschule Furtwangen

meinsbh.de: Die Fakultät Wirtschaft der Hochschule Furtwangen in Villingen-Schwenningen erlebt in diesem Jahr bereits ihren elften Geburtstag. [Anm. der Redaktion: Das Interview wurde Ende 2006 geführt] Die Fakultät erntete über die Jahre viel Lob und Anerkennung. Als Mitbegründerin haben nicht zuletzt Sie großen Anteil daran. Welche Aufgaben hatten Sie in der Entstehung des Fachbereichs?

Prof. Herkert: Dieses Projekt wurde im Auftrag des Senats der damaligen Fachhochschule Furtwangen von einer Gruppe aus Professoren und Dozenten entwickelt und implementiert, die von vielen Seiten (IHK, Politik, Ministerien, externen Experten und aus der Hochschule selbst) Unterstützung erfuhr – sonst wäre da gar nichts gegangen  und schon gar nicht so erfolgreich. Ich war in der Zeit von 1993 bis 2000 die Vorsitzende dieser Senatskommission, dann Gründungsstudiengangleiterin Internationale Beriebswirtschaft und Gründungsdekanin der Fakultät.

meinsbh.de: Es ist mit Sicherheit ein sehr umfangreicher Prozess, eine Fakultät ins Leben zu rufen. Wie lange musste dafür geplant werden und wie haben Sie diese Gründungsphase in Erinnerung behalten?

Prof. Herkert: Es war eine interessante und abwechslungsreiche Zeit mit fast unternehmerischen Herausforderungen (was ich besonders mag):

Es ging vorrangig nicht um die Etablierung einer organisatorischen Struktur (Fakultät), sondern eines neuen Produkts (Studienangebots) in einem neuen Geschäftsfeld (Wirtschaftswissenschaften), für das dann die passende Organisation zu entwickeln war.

Aus den Umfeldbedingungen mußten die Produktideen „herausgelesen“ werden, nach denen dieses Umfeld langfristig verlangte, diese mußten dann zu einem marktgängigen Konzepten entwickelt und schließlich den Stakeholdern „verkauft“ werden. Die strategische Planung und Entscheidungsfindung dauerte von Sommer 1993 bis Januar 1994 (Senatsbeschluß über die Gründung des neuen Studiengangs und Studienbeginn im Oktober 1994). Die Überzeugung der Stakeholder (insbesondere: Ministerium / Landesregierung als Geldgeber) dauerte bis Mai 1995, als von dort „grünes Licht“ gegeben wurde. Operative Planung und Implementierung waren natürlich von zahlreichen nicht-vorhergesehenen Komplexitäten begleitet – aber das ist im Unternehmen nicht anders.  außer daß im Bereich öffentlicher Hochschulen zahlreiche     

meinsbh.de: Gibt es größere Veränderungen, Projekte oder Erweiterungen des Studienangebots, die in absehbarer Zeit realisiert werden sollen?

Prof. Herkert: Das kommt darauf an, wo man die Fakultät in der Zukunft sehen will:
Ob als solider regionaler Anbieter erprobter Studienangebote – dann muß man keine größeren Veränderungen vornehmen. Für diesen Fall denke ich, daß wir mit unseren Studienangeboten und v.a. auch mit der Art und Weise, wie wir diese umsetzen, gut aufgestellt sind (was wir nur offensiver kommunizieren sollten). Als Risiken dieser Strategieoption sehe ich allerdings: schrumpfende Marktanteile (v.a. überregional/international) und infolge dessen Zementierung unserer (im Wettbewerber-Vergleich – auch innerhalb der HFU) äußerst geringen Personalressoucen.

Wenn man die Fakultät als Innovationsführer sehen will, dann müssten wir schon mal wieder mit etwas grundlegend Neuem rauskommen. Dabei denke ich nicht nur an neue Studieninhalte, sondern auch an neue „Packungsgrößen“ (Teilzeitstudiengänge), neue Produktvarianten durch flexiblere Kombination von Modul-Komponenten, mit denen sich Studierende ein individualisiertes Qualifikationsprofil aufbauen können („customization“), neue „Produktionstechniken“ (Überdenken der traditionellen Art des Lehrens, mehr und akademisch viel intensiver betreute Projekte, mehr integriertes E-Learning …), Innovationen bezüglich der Orte der Leistungserbringung (globale Netzwerk-Hochschule; diversifizierte, auch virtuelle, Standorte – auch im Ausland …)

Diese Strategieoption setzt eindeutig auf Wachstum – was wir meiner Meinung nach auch anstreben sollten, da wir im sowohl Vergleich der Business Schools/Wirtschaftsfakultäten, als auch im HFU-internen Vergleich eine extrem kleine Fakultät sind. Das Risiko dieser Option liegt natürlich v.a. in der Finanzierung: Seit 1999 (Start Bachelor- und MBA-Studiengänge) fährt die Fakultät erhebliche Überlast – v.a. die Ausstattung mit Mitarbeiter-Stellen entspricht m.E. in keiner Weise dem Notwendigen.

meinsbh.de: Der Wirtschaftsbereich der Fachhochschule konnte seit seiner Gründung in vielen Hochschulstudien namhafter Magazine, wie dem „Stern“ Bestnoten erzielen. Worin sehen Sie die größten Stärken des Fachbereichs?

Prof. Herkert: Auch wenn man sich auf solche Rankings nicht zu viel einbilden sollte,  haben wir ganz klar v.a. zwei Stärken (die zuweilen auch Herausforderungen sind):
1. Die Vielfalt der hier zusammen arbeitenden Menschen: Vielfalt im fachlichen Hintergrund (Interdisziplinarität!), in der professionellen Erfahrung (verschiedene Branchen und Berufe), im kulturellen Hintergrund, in den Persönlichkeiten, in der Geschlechterzusamensetzung.
2. Die Internationalität auf den fünf (!) Ebenen der Studieninhalte, Studienmethoden, Studienorte (integrierte Auslandssemester), Arbeitssprachen, Personen (Studierende und Bedienstete).
  
meinsbh.de: Die hohe Internationalität des Fachbereichs zeigt sich vor allem am Sprachangebot. Der MBA-Studiengang beispielsweise wird komplett in englischer Sprache unterrichtet, beim Studiengang der Internationalen Betriebswirtschaft machen englische Vorlesungen ein Drittel aus. Als zweite Hauptsprache kann hier entweder Französisch oder Chinesisch gewählt werden. Würden Sie sagen, dass die Fakultät in diesem Punkt anderen Hochschulen voraus war, in dem so früh das Potenzial eines chinesischen Schwerpunkts erkannt wurde?

Prof. Herkert: Hier hatten wir ganz klar eine Alleinstellung – wobei (siehe oben) unsere Internationalität konsequent auf allen fünf Ebenen ansetzte, also keineswegs nur am Thema Sprachen festgemacht werden sollte.

meinsbh.de: Gemeinsam mit Chinesisch – Lektorin Li Fang-Heck sind Sie an der Hochschule für das China-Institut verantwortlich, das 2004 ins Leben gerufen wurde und unter der Arbeit von Professoren, freien Mitarbeitern, aber auch Studenten, die regionalen und internationalen Unternehmen bei der Zusammenarbeit mit China und chinesischen Partnern unterstützen soll. Wie erfolgreich konnten diese Ziele bislang umgesetzt werden?

Prof. Herkert: In den eineinhalb Jahren, seit denen das Institut faktisch arbeitet, wurden fünf Projekte für Unternehmungen, eine unternehmensspezifische Schulungsmaßnahme sowie eine Konferenz durchgeführt und vier kleinere Aufsätze veröffentlicht. Der Aufbau der Infrastruktur (Weauftritt, IT-Infrastruktur) ist noch im Gange – hier bemühen sich alle trotz Personalstellenknappheit nach Kräften. (Das Institut hat keine eigenen Mitarbeiter, sondern wird von der Fakultät quasi ehrenamtlich betrieben.)
meinsbh.de: Zum Wintersemester 2005/2006 wurde der Diplomstudiengang Internationale Betriebswirtschaft im Zuge des europaweiten „Bologna Prozesses“ durch einen Bachelor-Studiengang abgelöst. Welche Vorteile bietet der Abschluss des Bachelors?

Prof. Herkert:

  • Für die Studierenden: International verständlich, seitwärts-kompatibel (Hochschulwechsel), aufwärts-kompatibel (aufbauende Master-Programme).
  • Für dieFachhochschulen: ein Schritt in Richtung Konvergenz der Hochschularten auch in Deutschland (auch wenn dieser Prozeß noch Jahre gehen wird) und Beseitigung des international unklaren Status  der Fachhochschulen.

 meinsbh.de: Die Einführung der Studiengebühren waren nicht nur in Baden-Württemberg ein Thema, dass für viele Diskussionen gesorgt hat. Wie ist Ihre Meinung diesbezüglich? Welche Chancen und Risiken sehen Sie darin?

Prof. Herkert: Bin dafür!

Chancen: Deutlich stärkere (nicht: ausschließlich!) marktwirtschaftliche Steuerung im Hochschulbereich mit (hoffentlich!) Rückbau der staatlichen Planwirtschaft; einfaches Steuerungssystem mit möglichst direkten Rückkoppelungen auf die Akteure (wer entscheidet soll dafür die Kosten und die Folgen tragen – nicht immer diese hyperkomplexen Kostenverschiebungs- und verschleierungssysteme zu Lasten dritter).

Risiko:  Das auch mir sehr wichtige Gut der Chancengleichheit könnte (zeitweise) leiden, wenn die dafür zuständigen Systeme (Studienfinanzierungen privater Banken, staatl. Sozialleistungen wie BAFöG) nicht rasch genug verfügbar sind. (Da soziale Systemwechsel i.d.R. selten „sanft“ und in perfekter Synchronie aller Teilsysteme ablaufen, muß hier mit Fehlwirkungen und Ungerechtigkeiten gerechnet werden; die muß man aufzeigen und korrigieren, sie sind jedoch kein überzeugendes Argument gegen den Systemwechsel.)
meinsbh.de: Sie selbst unterrichten im Studiengang Internationale Betriebswirtschaft die Vorlesung „Wirtschaftspsychologie“. Welche Lerninhalte vermitteln Sie dabei?

Prof. Herkert: Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen:
Wahrnehmung und Wahrnehmungsverarbeitung; Motivation, Kommunikation, Verhalten in Gruppen und Organisationen.

meinsbh.de: Mit Ihrem sehr international geprägten Engagement haben Sie über viele Jahre hinweg auch regional sehr viel bewegt. Was bedeutet Ihnen persönlich die Region Schwarzwald – Baar – Heuberg, für die Sie im Bereich der Bildung so viel geleistet haben?

Prof. Herkert: Na ja, woll’n mer mal nicht übertreiben!
Ich hab’ meinen Job gemacht so gut ich’s wußte und konnte und das machen alle in meiner Hochschule jeden Tag genau so. 

Die Region mit dem fast unaussprechlichen Namen (warum sollten wir’s uns auch zu einfach machen mit der Schaffung einer Regionalmarke…) ist mir (als Zugewanderter) an’s Herz gewachsen weil

  • sie es nie leicht hatte und es sich nie leicht gemacht hat, wirtschaftlich zu überleben: Armut und Arbeitssamkeit, Zusammenbruch von Industrien (Uhren, Unterhaltungselektronik – demnächst KfZ-Zuliefererindustrie?) und Erfindertum;
  • es mich schon bei meinem ersten Besuch (Probevorlesung im November-Nieselregen!) anrührte, an solch entlegenem Ort (fast wie auf dem „Zauberberg“) eine so kleine, engagierte, weltoffene Hochschul-Community anzutreffen, die rastlos für die Zukunft der Region arbeitete;
  • ich davon überzeugt bin, daß genau im Zusammentreffen des Unerwarteten und scheinbar Gegensätzlichen die Funken für wirklich Neues entstehen. Auch Internationalität kann gerade im Kleinen  und dort, wo „Heimat“ am stärksten ist (also bei uns) viel besser entwickelt und gelebt werden, als in der Beliebigkeit der Ballungszentren, wo keiner vom anderen Notiz nehmen muß.

Petra Herkert, 22.07.2006

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